BZ-Region Bern (Dienstag, 20. Mai 2003)
Moonlight-Party in Niederried
Mit Karten die Promille senken
Das Blaue Kreuz will 14- bis 20-Jährigen Cola statt Alcopops schmackhaft
machen. Doch wie lässt sich das erreichen, solange Trinken unter
Jugendlichen cool und nicht doof ist? Ein Augenschein im Seeland.
Erich Goetschi
Moonlight-Party, Samstagnacht in Niederried. Viel junges Volk, ein adrettes
Festzelt, davor Tische und Bänke, wo einer sitzt und kurz nach
zehn Grosses plant: «Bier, einen Joint - ‹einen Ofen›
- rauchen, wieder Bier, einen Ofen, Bier, zwei, drei, vielleicht auch
fünf.» Dann, sagt er, habe er für keinen Fünfziger
eine «geile Party» gehabt, sei so richtig «parat»,
schwinge sich auf den Roller, ab nach Hause ennet dem Frienisberg, 20
Kilometer entfernt. Er, David*, Koch im ersten Lehrjahr, 17-jährig,
Dächlikappe, ärmelloses T-Shirt. Schliesslich, sagt er, müsse
er schon am Sonntag, also wenige Stunden später, wieder auf der
Matte stehen. Letztes Jahr noch wollte das Vorhaben nicht mehr recht
gelingen. Die Kurve kam entweder zu früh oder die Reaktion zu spät:
«Jedenfalls lag ich mit dem Töffli plötzlich im Graben»,
lacht er.
Der Rausch ist Trend
Das ist es, was ihn schlicht erschüttere, sagt Ruedi Löffel
von der Fachstelle für Suchtprävention des Blauen Kreuzes.
Diese Realität, die darin gipfelt, dass sich Wochenende für
Wochenende schweizweit Jugendliche in einen Rausch trinken, ja, darauf
«regelrecht geeicht» seien. Ruedi Löffel, EVP-Grossrat,
heute 40-jährig. War er ein Teenager, habe man ab und an eine Niele
geraucht oder an einem Grümpi im Versteckten an einer Bierflasche
genippt. «Alles andere», sagt er, «war damals schlicht
kein Thema».
Aber das ist lange her. Das Rauscherlebnis liegt im Trend, ergab etwa
die Schülerbefragung 2002 der Schweizerischen Fachstelle für
Alkohol- und andere Drogenprobleme SFA vom vergangenen Jahr. Seit Ende
April liegt sie vor und ist wenig schmeichelhaft: Cannabis wird mehr
konsumiert, der Tabakkonsum hat sich auf hohem Niveau eingependelt.
Vor allem aber, ergab die Befragung, habe der Alkoholkonsum von 11-
bis 16-Jährigen im Vergleich zu den Vorjahren stark zugenommen.
Insbesondere jener der alkoholhaltigen Süssgetränke, den so
genannten Alcopops. In einem Mass, bilanziert die SFA, das «Besorgnis
erregend» sei.
Eindämmen statt verteufeln
Dagegen kämpft das Blaue Kreuz mit dem Projekt «Talk About
Events» (siehe Kasten) im Kanton Bern an. So auch in Niederried,
wo für den Anlass eigens ein Präventionskonzept ausgearbeitet
wurde. Am Eingang werden Postkarten verteilt, die auf die möglichen
Folgen von Alkoholmissbrauch aufmerksam machen. Wer nicht 18 ist, erhält
kein silbernes Armband und so keine Alcopops. Auch sind die Preise für
Alkohol höher als im Vorjahr. Im Zelt hängen Plakate der «Alles-im-Griff»-Kampagne
des Bundesamts für Gesundheit. Eingehalten wird auch der «Sirupartikel».
Jene Vorschrift im bernischen Gastgewerbegesetz, wonach mindestens drei
nichtalkoholische Getränke billiger verkauft werden müssen
als das billigste alkoholhaltige Getränk. In der Ecke stehen zwei
Computer-Terminals. Dort kann, wer will, an Freunde eine digitale Postkarte
senden, ein Filmli verschicken oder einen interaktiven Promilletest
machen.
Keine «Alibiübung»
«Natürlich», sagt Moonlight- Mitorganisator Adrian
Stolz, «kann sich der 16-Jährige vom Kollegen das Smirnoff
Ice durch den älteren Kollegen holen lassen.» Das lasse sich
nicht verhindern. Was er aber feststellt: Dass das Publikum im Vergleich
zum Vorjahr älter scheint. Wohl nicht zuletzt deshalb, weil sich
herumgesprochen hat, dass man im Vergleich zum Vorjahr ein erhöhtes
Augenmerk auf das ganz junge Publikum richte und so ein billiges Besäufnis,
anders als 2002, nicht mehr möglich scheint. Zwar, räumt Stolz
ein, habe die Anfrage vom Blauen Kreuz bei den Moonlighters nicht gerade
offene Türen eingerannt. «Die Skepsis war gross.» Doch
nun habe auch der letzte im Verein erkannt, dass es sich dabei nicht
um eine «Alibiübung» handle. Schliesslich habe man
kein Interesse an jungen Alkoholleichen. «Liegt einer am Boden,
sind wir es, die ‹secklen› müssen.»
Nur: Genügen Karten und Touchscreens, um das Trinkverhalten von
Jugendlichen nachhaltig zu beeinflussen? Ruedi Löffel: «Uns
ist klar, dass sich der Alkoholkonsum nicht verhindern lässt.»
Das Projekt soll Gedankenanstösse vermitteln, sensibilisieren,
aussagen, «Hey, es geht auch anders». Darüber hinaus
erhofft sich Löffel Unterstützung auch durch kommende strukturelle
Massnahmen, sprich Preiserhöhungen oder Werbeverbote. Was er aber
auch sagt: «Wir verteufeln den Alkohol nicht, das ist passé,
wollen aber den missbräuchlichen Konsum durch Jugendliche eindämmen.»
Bereits gebe es Anzeichen, dass dies gelingen könnte.
Sondersteuer als Lösung?
Später spricht Löffel von seiner ältesten Tochter in
einer siebten Klasse, wo der Flirt mit dem Alkohol jetzt beginne. Von
einer heranwachsenden Generation - täglich weit über zehntausend
Alkohol konsumierende Kids -, um die er sich sorgt. Und um die Folgekosten.
Besserung scheint nicht in Sicht, was auch dem Bundesrat auffiel, der
jüngst vorschlug, Alcopops mit einer Sondersteuer zu belegen. Eine
Regelung, die in Frankreich Wirkung zeigte: Die Preise stiegen, der
Konsum sank rapide. «Das wärs», sagt denn auch Löffel.
Bleibt die Frage, ob es denn die Lösung wäre, lässt sich
doch der Konsum auf andere alkoholische Getränke teilweise verlagern.
Auf Bier beispielsweise. Halb zwei Uhr morgens im Zelt, aufgeräumte
Stimmung, er sei schon «am Ausnüchtern», schreit David,
bevor er sich auf den Heimweg begibt. Nicht mehr mit dem Töffli,
dafür mit dem Roller.
*Name geändert
Projekt «Talk About Events»
Prominente machen mit
Insgesamt 13 Partyveranstalter aus dem Kanton Bern haben sich
dem vierjährigen Projekt «Talk About Events» angeschlossen,
das auf die negativen Folgen von Alkoholmissbrauch aufmerksam machen
will. Dies, nachdem eine vom Blauen Kreuz durchgeführt Umfrage
an Grossveranstaltungen im letzten Jahr ergab, dass die Vorschriften
des bernischen Gastgewerbegesetz teilweise mangelhaft eingehalten werden.
Kernstück der Kampagne, die von der Gesundheits-und Fürsorgedirektion
des Kantons Bern unterstützt wird, bilden Postkarten mit frechen
Sprüchen sowie eine «talk-Box»: einen Computer mit
Touchscreen und einer Videokamera. Damit können Video-E-Mails mit
persönlichen Kurzbotschaften verschickt werden. Das «Bier-Ranze»-Bild
sorgte bereits für Aufsehen (diese Zeitung berichtete). Mittlerweile
ziert auch Vize-Miss-Schweiz Masha Santschi eine weitere Karte und bekennt:
«Alkohol macht mi nid a.» Unterstützt wird die Aktion
auch von Role Wüthrich, abtretender Veranstalter im Berner Szenelokal
Bierhübeli. egs
Schon zuviel gehabt?
Digitaler Promilletest im Festzelt an der Moonlightparty in Niederried.
Bild Tomas Wüthrich
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