BZ / Bieler Tagblatt (19. Februar 2004)
Sinkt eins, sinkt alles - «Feldschlösschen 2.4»
Neue Promillegrenze: Brauereien reagieren mit einem Bier mit weniger
Alkohol
Bieridee gegen Absturzangst
Zwei Wirte aus der Umgebung Bern liessen sich überreden: Sie zapfen
neues Bier mit halbiertem Alkoholgehalt vom Fass.
Und sie staunen: Selbst harte Biertrinker steigen um - neuer Promillegrenze
sei Dank. Mischa Aebi. (...)
Sinkt eins, sinkt alles
«Feldschlösschen 2.4», das neue Bier, hat nur halb
so viel Alkohol wie das normale hier zu Lande. Der Getränkegigant
warf das Gebräu im Herbst auf den Markt. Eine ökonomische
Reaktion auf eine staatliche Aktion. Der Bund senkt den erlaubten Promillepegel
für Strassenbenützer, also halbiert der Brauer die Alkoholprozente
seiner neuen Blondine. Auf dass die Biertrinker die Malzumsätze
nicht ins Bodenlose drücken.
Das Promillebeil wird erst im Januar 2005 fallen. Schon fanden Feldschlösschens
Aussendienstmitarbeiter Verbündete in den Regionen im Kampf um
den Markt mit den neuen Bier. Zum Beispiel Gody
Schranz, der Wirt des Restaurant «Löwen» in Kernenried.
Er gehört zu den ersten Wirten, die «Feldschlösschen
2.4» schon jetzt vom Fass zapfen. Eine der beiden Säulen
auf seiner Theke stellte er letzte Woche um, von 4,8 auf 2,4. Andernorts
verkauft man das «2.4» erst in der Flasche, vielerorts noch
gar nicht.
(...)
Wieviel Bier?
Ein Mann mit einem Gewicht von 80 Kilo erreicht nach drei Stangen Normalbier
bereits einen Blutalkoholwert von
0,65 Promille. Eine Frau selben Gewichts hat nach derselben Menge Bier
gar schon einen Blutalkoholwert von 0,76. Der Bund senkt die Promillegrenze
auf 1. Januar 2005 von 0,8 auf 0,5.
Quelle: Fachstelle für Suchtprävention des Blauen Kreuzes.
Andere Brauer habens auch
Was Feldschlösschen seit Herbst hat, haben andere Brauer schon
länger - Bier mit tiefem Alkoholgehalt.
Leichtbier mit höchstens drei Prozent Alkoholgehalt: Was neu tönt,
ist es nicht. So führt die Berner Brauerei Felsenau seit rund drei
Jahren ein Leichtbier mit einem Alkoholgehalt von 2,9 Prozent im Sortiment.
«Schümli» nennt sich das Biobier aus Roggen und Hafer,
das eigens in Aussicht auf die bevorstehende Senkung des Promillewerts
im Strassenverkehr lanciert wurde. (...)
Auch Solothurner Brauer machten sich schon Gedanken über die Einführung
von Schwachbier. So auch Alex Künzle von der Öufi-Brauerei.
Er hat die Idee vorläufig wieder verworfen, will sie später
aber nochmals aufgreifen Seiner Meinung nach haben alle Brauer lediglich
unter der Drohung der neuen Promillegrenze gehandelt. Das Grundproblem
hätten sie aber nicht gelöst: Alkohol sei schliesslich der
Geschmacksträger des Biers.
Dem widerspricht Feldschlösschen. Obwohl die Promillegrenze erst
ab 2005 gelte, habe die Umstellung in den Köpfen vieler Konsumenten
schon stattgefunden, sagt Stefan Kaspar Pressesprecher von Feldschlösschen.
Man sei überzeugt, dass «2.4» einem Bedürfnis
entspreche. Mittelfristig will die Firma mehr «2.4» verkaufen
als
alkoholfreies Bier. Ein ehrgeiziges Ziel. Denn Feldschlösschen
hat mehrere alkoholfreie Biersorten. Insgesamt haben diese heute einen
Anteil von 3,5 Prozent vom gesamten Bierumsatz.
Birgt es neue Gefahren?
Leichtbiere als Lösung für sinkende Promillegrenzen anzupreisen
ist der falsche Ansatz, sagt Ruedi Löffel.
Herr Löffel, braucht die Schweiz Leichtbiere?
Ruedi Löffel: Das wird der Markt beantworten. Die Frage ist: Trinkt
nun einer nach Feierabend ein solches Bier und
lässt es dabei bewenden, oder trinkt er einfach die doppelte Menge?
Und, was denken Sie?
Bleibt es bei Ersterem, bergen Leichtbiere durchaus eine Chance, da
letztendlich weniger Alkohol konsumiert und so Risiken minimiert werden,
beispielsweise im Strassenverkehr. Doch jenem, der nach dem fünften
Bier noch immer weiterbechert, weil er nichts spürt, ist wenig
gedient.
Dafür liegt das Feierabendbier weiterhin drin, wenn die Promillegrenze
sinkt.
Wirbt die Bierindustrie mit Leichtbieren als Lösung für die
sinkende Promillegrenze im Strassenverkehr, zeigt das
doch, dass ein Teil der Gesellschaft ein Problem mit dem Verantwortungsbewusstsein
hat. Wer fährt, trinkt nicht, und umgekehrt. Das sollte wieder
selbstverständlich werden. Das Verkaufsargument Promillegrenze
ist für mich
so fragwürdig. Ein Leichtbier kann zudem Risiken bergen.
Welche denn?
Jugendlichen kann dadurch der Einstieg erleichtert werden. Da sagt sich
einer: «He, ist doch nur halb so viel drin,
lass uns mal probieren.» Genau da liegt der Knackpunkt: Gewöhnung
an Geschmack und Wirkung werden dadurch gefördert und Problemen
Tür und Tor geöffnet.
Aber dass sich der Markt verändernden Rahmenbedingungen anpasst,
ist doch logisch.
Aber eingleisiges Denken. Statt über die Promillegrenze zu jammern
und Leichtbiere zu führen, sollten Gastrobetriebe ihr Sortiment
attraktivieren. Beispielsweise mit alkoholfreien Drinks. Möglichkeiten
gäbe es genug.
Ruedi Löffel ist Co-Leiter der Fachstelle für Suchtprävention
des Blauen
Kreuzes.
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